Liebe. Mut.

Das ist kein leichter Eintrag. Während ich in wahrnehmen auf dem Familiensofa sitze und die vergangenen Tage sortiere, stirbt meine Mutter vielleicht im Schlaf, kann friedlich von uns gehen. Es ist kein leichter Eintrag, weil ich noch mit ihr auf dem Weg bin und doch versuche ein wenig über die engen Grenzen dieser Tage hinweg zu schauen. Um etwas Luft zu schnappen. Mein Blick hat sich beruhigt und gesenkt, ich spitzle durch diesen Text auf mich. Ich schaufle mich frei und wage einen Gang nach aussen. Nur hier ist er mir möglich. Vielleicht sollte ich das lassen. Es ist nah an der Nabelschau. Am medialen Sotunalsob. Es schert mich nicht, es ist echt. Ich schaufle.

Es schneit, seit ich nach einem kurzen aber klaren Hinweis meiner Schwester zum Zug eilte. Wenn ich Mama noch bei klarem Verstand antreffe wolle, müsse ich jetzt kommen. Ich hatte es nicht sehen wollen, aber da war es, das Zeichen. Die Zufahrt: Beschwerlich. Verspätungen und Warten auf verschneiten Bahnhöfen, eScooter auf Schnee, der Radweg von Kaufbeuren unterbrochen, weil die Brücken abgerissen waren… als ich endlich am Bett von Mama stand, war mir schwer ums Herz. Wenige aber wichtige Worte mit ihr, Streicheln und lächeln. Draussen in Tränen aufgelöst. Die Familie ins Allgäu bringen, die stark hinter mich trat und so gut tat, irgendwie ankommen. Die Nacht immer alleine mit einem sterbenden Menschen, der kein Zurück mehr finden kann und doch nur mühsam voran kommt. Die Arbeit für Siemens deichseln, den 3D Drucker zum Trost Blätter drucken lassen. Versuchen Mutter etwas zum Trinken einzuflössen. So vergehen die Tage seitdem. Die Nächte sind konzentriert, ohne Alkohol, nicht will ich betrunken vor ein Totenbett treten müssen. Und dann immer wieder der noch mögliche Griff und die Hand in meiner.

Wir sind verbunden, sagt sie, das spüre ich auch. Wir nicken uns zu und sind eines, ich führe sie weiter, begleite sie zusammen mit meiner Schwester in ihr Sterben. Sie schaut ihm gelassen entgegen, ruhig. Sie ist es, die voller Zen ist.

Ich weiss mir nicht anders zu helfen, als ein grosses Herz in den Schnee des Gartens zu treten. Der kleine Harald in mir ist heulend zu ihr gerannt mit einem «Mama, Mama, wohin gehst Du, bleib hier» und der alte Mann Harald sagt «schau doch hin, sie will gehen, zurück dorthin, wo es warm ist und sie einfach sein kann». Sie will es so und kann noch nicht. Immer wieder bin ich erschöpft und halte kurz inne, spüre ein aufwühlendes Gefühl in mir und finde dann doch oder gerade deshalb zur Ruhe.-

Meine Mutter stirbt mit fast 88. Sie war 20 Jahre ihres Lebens dement, hat ihre Kindheit jäh durch die Flucht aus dem Böhmerwald zertrümmert bekommen, früh geheiratet und Kinder erzogen, dieses Haus hier mit errichtet, einen riesigen Garten bewirtschaftet und den Haushalt in Ordnung gehalten. Sie war kein einfacher Mensch. Damals. Sie hat mich ins Leben geholt, weil sie Hilfe für sich brauchte. Ich hoffe ich konnte sie ihr geben. Sie hat mir ein anderes Leben als das eines Allgäuers auf dem Dorf ermöglicht und mich ziehen lassen. Vielleicht wissend, dass ich zurückkommen und ihr «ein Schloss bauen» (Heintje) würde. Nun stirbt sie darin und lässt meine Hand freundlich lächelnd los. Ich nicke, ich helfe ihr immer wieder ein letztes Mal und wärme sie in Liebe. Bin bei ihr bis sie schlafen will.

Wir sitzen an diesem Nachmittag da, hören den Glocken der Lindener Kapelle zu und haben mich vorher sagen gehört. «Es ist alles was ein Mensch. zu bieten hat: Liebe und Mut. Und Du hast beides. Und ich habe das. Und so leben wir.» Das fasst alles zusammen, sie und mich. Ich kann sie gehen lassen, wenn sie will. Ich werde nicht alleine sein, sie ist in meinem Herzen und ich in dem ihren, egal wo sie dann sein mag. Tatsächlich habe ich noch gescherzt «Wenn Du da Papa triffst: sag ihm, dass ich noch eine Weile brauche und dann nachkomme.» Sie grinst und murmelt «wie üblich». Dann lächeln wir beide. Ich hätte nie gedacht, dass der Tod ein lächelndes Gesicht haben kann und sich freundlich anfühlt. Aber was weiss ich schon.

Maria. Verliert sich in einem Traum.

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