Alle. Heilig.

Am 1.11. vor dem Familiengrab gestanden. Oma, Opa und Papa. Die Sonne. Zwiegespräch. Dass man sich (Oma, Opa vor allem) nicht kannte, dass ich sie aber weiter trage. Das fühlt sich gut an. Bei aller Trauer, immer noch.

Die Toten reissen ein Loch in unser Leben, und nur ihre Geschichten bleiben bei uns, wir erzählen sie weiter. Es ist unsere Aufgabe sie immer wieder weiterzugeben. So wie wir weitergegeben werden. Bald. Noch nicht.

Ich sitze mit meiner Tauftante, der «Doti» vor dem Computer und schaue ein privates Projekt mit Kindergeschichten an. Sie ist die einzige noch lebende Zeitzeugin der Hochzeit meiner Eltern. Meine Mutter kann sich an nichts mehr erinnern. Und ich kann sie fragen, was es mit der merkwürdigen Absenz der niederbayerischen Eltern auf sich hat (Opa Blaha vergisst die Einladungen abzuschicken) und wie mein Vater in der Familie Fuss fassen konnte (konnte er anfangs nicht). Ich bekomme einen Eindruck meiner Grosseltern, die jetzt mit meinem Vater in einem Grab liegen, davon dass meine Grossmutter erst im Allgäu, nach der Flucht, in der Familie Oberwasser bekam. Ich weiss jetzt wo auf dem LIN DEN HOF der Opa aufgebahrt wurde. Ich habe es noch bei meiner Oma gesehen, bei meinem Vater. Der Opa: früh verrentet mit nicht einmal 40, weil Asthma und Herzprobleme. Tagelöhner statt stolzer Müller. Die Mutter früh schwanger, heiratet einen Wirtschaftsflüchtling aus Niederbayern. Meinen Vater. Ich kann einsinken in die Zeit durch die Erzählungen meiner Tante.

Abends sitze ich nach der Sauna vor dem Kamin, den mein erster Wurzelgeist schmückt. Mit 10 oder 11 habe ich den aus einer herumliegenden Baumwurzel herausgearbeitet. Sein Blick verfolgt mich seitdem. Wie eine weitere Geschichte von früher und davor. Es gibt viele davon, in diesem Haus und aus der Zeit vor und während meiner Kindheit. Es ist an mir diese Geschichten weiterzugeben. Ich spüre sie in mir und ich spüre es ist jetzt Zeit dazu.