Abbruch. Rotach.

Ein ganz anderes Thema, das auf den ersten Blick nichts mit dem LIN DEN HOF zu tun hat und doch viel erklärt. Wir leben in einer Genossenschaftssiedlung der Rotach, die in Zürich und Umgebung 1500 Wohnungen anbietet. Diese Rotach Genossenschaft ist eine Schweizer Eigenart, die es sich zum Ziel setzt, billig Wohnraum für Genossenschaftsmitglieder zur Verfügung zu stellen. Wir hatten 2006 sehr viel Glück und bekamen ein Fünfzimmerappartment zugesprochen, das keine Wünsche übriglässt und mit modernstem Standard ausgebaut war.

Nun gibt es bei solchen Gemeinschaften mindestens einmal im Jahr eine Generalversammlung, die ich mir natürlich “antue”, denn diesesmal war ein Tagesordnungspunkt samt Gegenantrag an der Reihe, der es in sich hatte. Eine der Siedlungen soll generalüberholt bzw. teilweise für einen Neubau abgebrochen werden. Weil die Häuser nun schon fast 100 Jahre stehen, eigentlich noch gut in Schuss sind aber eben in die ZUkunft gedacht erneuert werden müssen. Deshalb soll an einer Stelle angefangen werden. Mit einem Abbruch. Die Bewohner bekommen rechtzeitig zwei Umsiedlungsangebote. Es entstehen altengerechte Neubauwohnungen mit mehr Zimmern und einem besseren Baustandard.

Das klingt vernünftig, die rechte Hirnhälfte sagt “klar, machen wir, ist finanziert, alles gut”.

Aber dann meldet sich vor mir ein Mann im Auditorium. Er wohnt in einem der Abbruchhäuser. Und er redet nicht von Modernisierung und dem Allgemeinwohl. Er sagt einfach nur, dass er schon seit fast 50 Jahren in dieser Wohnung lebt und sich sehr wohl fühlt. Es ist sein Zuhause. Und dass er seine Heimat verliert, die ihm doch so gar nicht baufällig vorkomme.

Die Welten gehen nicht zueinander. Die Antwort des Vorstands redet vom Gedanken an zukünftige Generationen und den vertretbaren Opfern Einzelner für diese. Der Mann redet von seiner Vergangenheit, die mit dem Haus zum Einsturz gebracht wird. Man schafft sein Leben beiseite.

Die Abstimmung spricht sich 116 zu 34 mit 12 Enthaltungen für den Abbruch aus. Ich habe als Enthaltung meine Hand gehoben. Ich empfinde den Schmerz des Mannes und die Notwendigkeit des Umbaus aus Genossenschaftssicht. Ich bin froh, dass ich hier nach dem LIN DEN HOF nicht ein zweites Mal genau darüber entscheiden muss. Es ist auch nicht vergleichbar. Denn damals war eine dritte Stimme im Gleichklang zu hören, die sich fragen musste: “Was wird meine Rolle dann in diesem umgebauten Haus sein.”

Und diese Rolle kann ich einnehmen und geniessen, das hat die Entscheidung leicht gemacht. NIemand denkt wirklich selbstlos an die nächste Generation oder an die bisherige. Ich will mir die Konsequenz dieses Gedankens im Hinblick auf den Klimawandel gar nicht genauer durch den Kopf gehen lassen.

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